Game Guide

Pinball-42

Die Herstellerfirma Kiesewetter KG bzw. „The Pinball Company“ hat ihre Geschäftstätigkeit 2023 eingestellt. Es existiert weder eine Kontaktmöglichkeit noch eine erkennbare Rechtsnachfolge. Dokumentation im Internet ist praktisch nicht vorhanden. Das Gerät aus dem Jahr 2012 ist mittlerweile selbst Teil der Flippergeschichte geworden, und es wäre schade, wenn dieses Kapitel völlig verloren ginge.

Das in der Werbung als „brillant“ beworbene 42"-Display ist tatsächlich lediglich ein LG-TV mit 1024×768 Pixeln – nicht einmal HD-Auflösung. Die Software selbst rendert jedoch intern in Full HD. Auf einem angeschlossenen Testmonitor ist das Bild gestochen scharf.

Daher die Empfehlung an jeden Pinball-42-Besitzer: Ein gebrauchter 42–43"-Full-HD-Fernseher mit gutem Blickwinkel hebt das Gerät optisch locker um zehn Jahre an.

Das System selbst basiert auf dem Future-Pinball-Emulator und ist erstaunlich gut gegen neugierige Blicke abgesichert: Werden Schnüffelprogramme erkannt – selbst der Taskmanager wird abgestraft – oder unbekannte Tastatureingaben registriert, fährt das System nach wenigen Sekunden automatisch herunter. Entwickelt wurde die Software offenbar in Spanien. Zugelassene Tasteneingaben sind lediglich:

  • Left Shift = linker Flipper
  • Right Shift = rechter Flipper
  • # = Enter
  • , = Service-Modus

Die Systemarchitektur: Statt unter Windows 7 über „userinit.exe“ die Standardoberfläche zu laden, wird die komplette Windows-Shell mit dem proprietären „Loader.exe“ umgangen. Dieses startet zunächst die Initialisierung „c:\pinballmachine\PMLaunch.exe“, danach die eigentliche Pinball-Oberfläche, versteckt in der kennwortgeschützten Datei „c:\tablas.zip“. Das Passwort der ZIP-Datei ausreichend stark gewählt, um klassische Brute-Force-Angriffe praktisch aussichtslos zu machen.

Auf den Geräten befinden sich vier, offensichtlich selbst entwickelte Tables:

  • Armageddon
  • Cars & Girls
  • Lucky Fire
  • Time Machine

Der Zugriff auf die Tables funktioniert dann über einen Trick:

Wenn man auf einem externen PC in der Datei „\Loader\loader.ini“ den Parameter „OPCION_DEFECTO“ auf 0 setzt, startet statt der Arcade-Oberfläche die normale Desktopumgebung. Anschließend kann man – nach Aktivierung des Taskmanagers – zeitgesteuert einen Task starten, der NACH dem Entpacken der kennwortgeschützten „tablas.zip“ die drei laufenden Pinball-Prozesse mittels

„taskkill /IM /F <Prozessname>“

abschießt und den Desktop freigibt. Danach findet man den vollständigen Inhalt der ZIP-Datei bequem entpackt in einer RAM-Disk auf Laufwerk J: und kann alles herauskopieren.

Im nächsten Schritt startet man „PINBALLMACHINE.exe“ auf einem externen PC. Einige DLLs müssen ergänzt werden; besonders wichtig ist „sciLexer.dll“, die indirekt von einer größeren Bibliothek benötigt wird.

Nach etwas Probieren zeigte sich, wie man die Tables direkt öffnen kann:

„PINBALLMACHINE.exe -open <table>.pmt“

Damit erhält man vollen Zugriff auf Table und Skriptcode – etwa bei „Cars & Girls“. Sämtliche Debug- und Darstellungsfunktionen lassen sich nutzen:

  • F1–F8 bzw. F11 + ASDW = verschiedene Ansichten
  • F9 = Framerate
  • F10 = Tischskelett
  • numerisches „:“ = Freeze-Modus

Damit ist klar, dass sich grundsätzlich beliebige weitere Tables integrieren lassen sollten.

Allerdings gibt es einige Besonderheiten: Obwohl das Dateiformat eindeutig auf Future Pinball basiert und sogar die Versionsnummer „1.9.1.20091231“ enthält, wurden die Dateien nachträglich modifiziert. Die Endung lautet „.pmt“ statt „.fpt“, und die Tables lassen sich nicht direkt im normalen Future-Pinball-Editor öffnen. 

Aus vier Tables werden über 400.

Da die installierte Pinball-42-Software im Grunde nur eine modifizierte BAM-Version ist, wurden zwei Login-Modi eingerichtet und in einer Variante ein vollständiges Future-Pinball-System mit zusätzlichen Tables integriert. Überraschenderweise laufen die meisten Tische absolut flüssig.

Standardmäßig startet weiterhin der originale Pinball-42-Modus; optional kann man einmalig den erweiterten Future-Pinball-Modus für den nächsten Bootvorgang aktivieren.

Anpassungen ist vergleichsweise simpel:

  • Videomodus einstellen
  • Arcade-Modus aktivieren (270° gedreht)
  • Spielfeld und Backbox zoomen und verschieben
  • Scroll-Lock-Anpassungen pro Tisch durchführen

Die Scroll-Lock-Korrekturen dauern pro Tisch nur wenige Minuten.

Für die Steuerung muss der Startbutton auf „\“ umgelegt werden, danach funktionieren sämtliche Tasten inklusive Flipper und Plunger. Der Münzzähler funktioniert zwar nicht mehr, das kann man mit einer USB-Funktastatur umgehen.

Anschließend gehen noch einige Stunden dafür drauf, die Pinball-42-Partition aufzuräumen. Das System reagiert auf Veränderungen  extrem empfindlich: Entfernt man die falschen Dateien oder ändert etwa das Tastaturlayout, quittiert die Software dies kommentarlos mit einem sofortigen Shutdown. Wer zu viel gleichzeitig modifiziert, dem bleibt oft nur das Rücksichern am externen Rechner.

Ein weiteres Anliegen war der Austausch des schwachen Hauptdisplays. Das ursprüngliche Panel bot zwar kurioserweise sogar 3D-Unterstützung mit Shutterbrille, allerdings weiterhin nur 1024×768 Pixel – und der 3D-Modus wurde von Pinball-42 nie genutzt.

Deswegen kann man einen günstigsten 43"-Full-HD-Monitor verbauen. Der sollte sofort funktionierten und ein besseres  Bild liefern. 1080p sollten ausreichen; bei 4K bestehen Zweifel ob die mittlerweile betagte Hardware das schafft.

Wer sich an diese Umbauten wagt, der sollte bedenken, dass eventuell neue Bohrungen für die VESA-Halterung gemacht werden. Weiterhin ist im Vorfeld daran zu denken, mit welcher Einbautiefe der neue Bildschrim daher kommt, gegebnenfalls muss auch hier etwas nachgebessert werden. Als letzter Punkt sollte erwähnt werden, dass die Startzeit der Bildschirme abgeglichen werden muss. Startet der Hauptbildschirm nach dem Backglas, kommt es in den meisten Fällen zu einer Verschiebung der Anzeige, will heißen der Hauptbildschirm ist auf dem Backglas, das Backglas dann auf dem Hauptbildschirm. Hier wäre eine entsprechende Verzögerung, manuelles oder automatisiertes Einschalten über entsprechende Schalter eine gangbare Lösung.

Funfakt am Rande, das gilt auf für VPins unter VPX

So gesehen lässt sich mit realtiv wenig Aufwand ein VPin System realisieren und um viele Tische zu erweiteren. 

Nach Meinung des VPinball.de Admins eine nette Lösung, allerdings weit entfernt von einem "richtigen" VPin. Allerdings ist bei einem "richtigen" VPin deutlich mehr Zeitaufwand und Kapital zu veranschlagen. 

Dieser Artikel ist zuerst im Flippermarkt erschienen: https://www.flippermarkt.de/forum/threads/pinball-42-varianten-the-pinball-company.291756/ und wurde hier in angepasster Form wiedergegeben, um interessierten Lesern so viele Infos zum Thema Vpin zur Verfügung zu stellen, wie möglich.